Geschichte ist irreversibel. Mir geht es darum, die Geschehnisse zu dokumentieren, nicht sie zu bewerten. So können künftige Generationen besser informiert Schlüsse ziehen und eigene Entscheidungen treffen, als es mir bei Zuchtbeginn möglich war.

Meines Erachtens beginnt die jüngere Geschichte mit der Gründung der GEMO (Groupement des Eleveurs de Moutons d’Ouessant) im Jahr 1976. Zeitgleich setzt auch ein Prozess des Umbruchs in der Zucht bzw. Erhaltung der Rasse ein.

Während in den Jahren zwischen 1960 und 1976 der Fokus darauf gerichtet war, noch existierende Bestände aufzuspüren, konzentrierte man sich fortan mehr darauf, wie die Zukunft der Rasse aussehen sollte.

Bei Gründung der GEMO wurden 486 Tiere beiderlei Geschlechts gezählt. Diese Tiere gingen ausschließlich auf die vier Stammherden „Jardin des plantes de Paris“, „Morbihannaise“ „Vendéenne“ und „Nord“ zurück.

Damals gab es allerdings auch schon Bestände außerhalb Frankreichs. Die Ursprünge dieser Bestände sind leider nur ansatzweise bekannt. Vermutlich hatten die meisten, zumindest teilweise, ihren Ursprung im Bestand von Jean E. Ducatillon. Herr Ducatillon hatte einen privaten Zoo in Lille, er war Gründungsmitglied der GEMO, trat aber bereits 1977 aus. Ob der Bestand Ducatillon ursprünglich dem Stamm Nord zugerechnet worden war, entzieht sich meiner Kenntnis. Fakt ist, dass in seinem Bestand schon damals braune Tiere existierten, was sich nicht mit der Angabe über eine rein schwarze Stammherde „Nord“ deckt.*1) Die braune Farbe geht höchstwahrscheinlich auf einen von einem Wanderzirkus zugekauften braunen Bock unbekannter Herkunft und Rasse zurück.*2)

Von den frühen belgischen Haltern kennt man heute maximal noch die Namen. Hingegen sind viele der frühen niederländischen Züchter heute noch Mitglieder der FOS (Fokkersvereniging Ouessantschapen), auch wenn sie teils hochbetagt und nicht mehr aktiv sind. Die Ursprünge ihrer Herden sind weitestgehend bekannt.

Ouessantschaf

In den 1970er Jahren waren in der Bretagne für ausländische Züchter lediglich Böcke verfügbar. Deshalb griffen niederländische Züchter auf weibliche Tiere aus Belgien oder von Ducatillon zurück, oder gingen den Weg über die Verdrängungskreuzung. Zur Einkreuzung wurden Romanov, Finnschaf, Skudde und sogar Texel genutzt. In dieser Zeit entstand der Farbschlag Schimmel, wobei unter diesem Begriff alle Tiere versammelt wurden, die in irgendeiner Art grau waren.Romanov sind grau (wie graue Heidschnucken) und auch wenn die meisten Finnschafe weiß sind, gibt es das Muster Agouti grau bei Finnschafen ebenso wie bei den Skudden. Auch altersgraue Tiere wurden fälschlich als schimmel bezeichnet und unter dieser Farbe im Herdbuch eingetragen.

Seit Mitte der 1980er Jahre bemühten sich einige Züchter den Einfluss der Kreuzungstiere auf die gesamte Population zu reduzieren und die nicht dem französischen Rassestandard von 1981 entsprechende Farbe schimmel auszuschließen. Man agierte aber nicht konsequent und verkaufte schimmelfarbene Tiere lebend, wodurch die Tür für einen neuen Farbschlag geöffnet wurde. Sie konnte nicht wieder geschlossen werden, da sich einige Liebhaber vehement für die Farbe einsetzten. Langfristig wurde der Farbschlag Schimmel vom Muster Agouti Grau dominiert, da sich dieses gegenüber den einfarbigen (musterlosen) Tieren dominant vererbt.

In der Bretagne gab es damals keine Notwendigkeit für Einkreuzungen, da Tiere beiderlei Geschlechts in zwar geringer, aber ausreichender Zahl vorhanden waren. Viele der frühen GEMO-Züchter praktizierten eine traditionelle Haltungsform mit einer geschlossenen Herde und Multinatursprung, der gleichen Haltungsform, welche die Bestände des Festlandes seit Ende des 19.Jahrhunderts erhalten hatte. Allerdings brachte das Bestreben nach einem besonderen Schaf Veränderungen bei der Zuchtauswahl mit sich. Es wurde speziell bei den Böcken auf die Größe (Kleinheit) geschaut, auch ein möglichst perfektes Horn wurde bei einigen Züchtern zum Zuchtziel.

Im 19. Jahrhundert waren diese Punkte gänzlich uninteressant, die Größe resultierte aus der Haltungsform, die Wollfarbe und -eigenschaft waren wegen der herzustellenden Produkte wichtig, zu anspruchsvolle oder empfindliche Tiere starben.

Die modernen Kriterien manifestierten sich mit der Festlegung des Rassestandards (1981) und der Einführung von Tierschauen (1er Concours 1987 Civray). Seit damals gab es in Frankreich Bestrebungen, ein Herdbuch für Ouessantschafe einzuführen, dies scheiterte allerdings sehr lange am Widerstreben vieler bretonischer Züchter, die keinen Anlass sahen, ihre traditionelle Haltungsform aufzugeben.

Die FOS in den Niederlanden führte das Herdbuch schon bei der Gründung 1987 ein und bemühte sich durch Dokumentation und Beratung auf den Bespreekdagen, die Rasse zu verbessern. Daraus resultierte eine stärkere Homogenisierung der Zuchttiere. Hier achtete man unter anderem auf besonders kurze, unbewollte Schwänze. (Ursächlich dürfte die Klassifizierung als nordisches Kurzschwanzschaf sein.) Auch dieses Merkmal ist historisch betrachtet nie ein Selektionsgrund gewesen. Die FOS betreute bereits sehr früh auch ausländische Züchter.

Ouessantschafe

Mit dem Schengenabkommen und dem Wegfall der Grenzkontrollen 1995 wurde es bedeutend leichter Schafe illegal über Landesgrenzen hinweg zu verbringen. Dies führte zu einem Boom des Ouessantschafes außerhalb Frankreichs, aber auch zu Reimporten.

Insbesondere muss hier der Niederländer Jan Jonker erwähnt werden, der in den 1990ern in die Dordogne übersiedelte. Herr Jonker war Mitglied der FOS und nahm niederländische Tiere mit nach Frankreich. Deren Nachkommen ließ er teils noch im Herdbuch der FOS registrieren. Darüber hinaus war er Mitglied der GEMO und nahm des Öfteren am Concours National teil, wodurch er mit nicht wenigen neuen Interessenten in Kontakt kam und an diese Tiere veräußerte. Dadurch initiierte er die Verbreitung von Ouessantschafen nicht-bretonischen Ursprungs in der Bretagne.

Seit Mitte der 1990er Jahre entstanden in Deutschland die ersten Herdbuchzuchten. Die Ursprünge der Tiere lagen überwiegend in den Niederlanden, mit Ausnahmen in Belgien und seit Ende der 1990er auch bei wenigen Tieren ausschließlich in der Bretagne. Allerdings sind in Sachsen auch Skudden zur Verdrängungskreuzung *3) genutzt worden. Damals war das Ouessantschaf zwar in Deutschland bekannt, aber es gab wenige Informationen über seine Herkunft und Geschichte. Die Erkenntnis, dass das Ouessantschaf über sehr lange Zeit isoliert lebte und vermutlich als vollständig eigenständig angesehen werden muss, stellte man erst deutlich später durch genetische Untersuchungen fest.*4)

Die belgischen Züchter waren in dieser Zeit eng mit der FOS verknüpft, welche auch die Herdbuchführung für die belgischen Freunde übernahm. Der belgische Zuchtverband BOV wurde erst 2007 gegründet.

Der Abschließende Block wirft einen Blick auf die aktuelle Situation. Somit ist er noch nicht Geschichte, sondern zeigt Dinge auf, die für Züchter der AG Erhaltungszucht von Bedeutung sind.

Da es in Frankreich noch immer kein EU-zertifiziertes Herdbuch gibt und die Ursprünge des aktuellen durch die GEMO betreuten Herdbuchs in der allerjüngsten Vergangenheit liegen, ist es extrem wichtig, die Ursprünge der einzelnen Herden/Tiere bis ins Jahr 1995 zurückverfolgen zu können. Denn nur Tiere, die vor diesem Zeitpunkt in der Bretagne existierten, bzw. Tiere, die nur auf solche Tiere zurückgehen, können als so ursprünglich wie möglich angesehen werden. Es ist nicht notwendig, eine detaillierte Abstammung bis zum Geburtsjahr 1995 dokumentieren zu können, aber der Ursprung der Tiere, die seit 1995 neu in eine Herde gekommen sind, sollte bekannt sein. Nur so kann eine Vermischung mit nicht bretonischen Tieren ausgeschlossen werden. Da die traditionell geschlossene Herde und der Multinatursprung fast gar nicht mehr praktiziert werden, wird es nach nun mehr als 25 Jahren zunehmend schwerer, unbeeinflusste Herden sicher nachzuweisen. Selbst Bestände, die noch vor wenigen Jahren als rein bretonisch angesehen werden konnten, haben diesen Status heute nicht mehr.

In Belgien mag es heute noch einige wenige Tiere rein bretonischen Ursprungs geben, zumindest ließe sich durch das geführte Herdbuch nachvollziehen, ob ein Tier als von rein bretonischem Ursprung angesehen werden kann oder nicht.

In den Niederlanden gibt es nur noch wenige Tiere, die laut FOS-Herdbuch keinerlei Vorfahren des Farbschlags Schimmel haben. Dabei liegt der Anteil an nachweislich bretonischen Vorfahren nur in sehr wenigen Herden im Bereich von max. ca. 50%. Tatsächlich dürfte er deutlich höher sein, da vor der Gründung der FOS nicht alle Halter die Abstammungen dokumentiert haben und nicht wenige Unterlagen verloren gegangen sind.

In Deutschland sind die bretonischen Tiere bestens dokumentiert. Ein Fortbestand ist durch die AG-Erhaltungszucht zwar nicht zu 100% gewährleistet, aber zumindest zu 100% angestrebt.

Armin Bergmann im November 2021

*1) Archiv der GEMO
*2) Gespräch zwischen M. Brillet-Abbé und J. E. Ducatillon
*3) Auskunft des Züchters
*4) High density genome scan for selection signatures in French sheep reveals allelic heterogeneity and introgression at
adaptive loci – 25.01.2017 von Christina Marie Rochus, Flavie Tortereau, Florence Plisson-Petit und andere